Abschied

Der feine, weisse Rauch erlangt durch die milde Beleuchtung der Abendsonne eines warmen, freundlichen Dezembertages ein schon fast romantisches Antlitz. "Ja, auf den ersten Blick erkenne auch ich die masslose Schönheit," meldete sich Jack mit ruhiger Stimme, "aber wenn ich den grauen Betonkamin mit der majestätisch aufsteigenden Rauchsäule länger betrachte, tauchen plötzlich Bilder von emporschiessenden Atompilzen, krepierenden Kreaturen - welche einmal stolze Menschen zu sein glaubten - Elend, Vernichtung und zerstörerische Vergänglichkeit vor meinem Auge auf. Ihr alle wisst, dass ich gerne die positive Denkweise, euren immerwährenden Glauben an die warme Menschlichkeit, eure gabe allem etwas schönes, ästhetisches, liebliches und romantisches abzugewinnen, annehmen möchte, aber ich kann es nicht. In meinem jungen Leben habe ich schon zuviel schreckliches gesehen, und ich kann mein apokalyptisches Weltbild nicht mehr verdrängen. Es ist ein Teil meiner selbst geworden. Wie eine hungrige Made hat es sich in meine Seele gefressen und wirft einen dunklen Schatten auf mein Inneres. Ich werde meine schwarze Seite niemals mehr konstant verberger können, und ich hasse deshalb die Menschen, denn sie sind verantwortlich dafür. Ja meine Freunde, manchmal wenn ich alleine im Bett liege, und das Dunkle aus meinem Innern emporsteigt und langsam versucht, die Macht über meinen Verstand und meine Gefühle zu erlangen, dann frage ich mich, ob das ganze Dasein überhaupt noch einen Sinn macht, soll ich warten, bis ich vin hier zurückgerufen werde, oder soll ich meiner Existenz, welche scheinbar so unwichtig ist, welche fast niemanden aufrichtig etwas bedeutet, nicht ein vorzeitiges, schnelles und schmerzloses Ende bereiten. vielleich erlangen unsere Seelen erst nach dem Knall der Pistole Freiden und Ruhe; vielleicht beginnt das wahre Leben erst nach dem Tod.

Es ist möglich eine Existnz in Freude, Luxus und Liebe zu führen, aber es ist gelogen. Das Leben ist ein billiger Hollywood Film, alles abgekartet, vorherbestimmt und falsch. Wollt Ihr Marionettenfiguren sein? Schauspieler, die für Geld jede Rolle übernehmen? Euer Weltbild ist so eingerichtet, dass es die Interessen des Club der Priviligerten nicht zu stark tangiert. Die Wut über unsere Gesellschaft lässt ihr durchfiltern, bevor sie an die Oeffentlichkeit gelangt. Statt einen Orkan stellt sie oft nur ein laues Lüftchen dar. Ihr zensiert euch selbst.

Es gibt Artgenossen, die behaupten, ich sei verrückt. Unfähig mich in die Gesellschaaft zu integrieren. Man sagt, ich leide unter Verfolgungswahn, wenn ich das Schlechte sehe. Die Sonne geht unter. Der Horizot zeichnet die Silhouette des Kernkraftwerkes in pastellenen roten Farben. Man erkennt in dem emporsteigenden Rauch zahlreiche Facetten und Schattierungen in den unterschiedlichsten Tönen. Ich bin überzeugt, dass ihr das für einen schönen Untergang unserer Mutter Sonne haltet. Prächtig, wie sie sich nach einem für euch heiteren Tag verabschiedet. Es erfüllt euer Herz mit Wonnen und ihr sehnt euch nach Herzlichkeit ud Liebe. Wer möchte sich bei einer solchen Stimmung nicht unten am Fluss in den Armen eines liebenden Menschen wissen; mit dem Gefühl, dass alles in bester Ordnung sei. Es als Beweis akzeptieren, dass die Menschen eben doch positiv in ihrem Wesen sind. Ihr seid schockiert, wenn ich euch erzähle, dass ich diese Gefühle zwar teilweise auch kenne, dass sie sich bei mir aber immer mit einem bitteren Geschmack vermischen. Seht das Rot. Es weckt in mir schreckliche Bilder des Krieges. Ein unendliches Meer von Blut erstreckt sich vor meinem Auge. Die grässliche Zeit nach der Schlacht. Der Geschmack von verwestem Fleisch steigt mir in die Nase. Fleisch und Blut von Soldaten, Männern, Frauen, Kindern. Gut und Schlecht. Arm und Reich, Schuldig und Unschuldig, Schwarz, Weiss, Gelb und Rot. Ein wild zusammengeschossener Haufen. Willkürlich in der Auswahl. Du läufst durch die Leichen und erkennst zu deiner Linken einen Freund, das halbe Gesicht von einem grosskalibrigen Geschoss weggeknallt. Zur Rechten einen Feind, der dich mit einer Axt erschlagen wollte, ehe du ihn mit einem Knall ins Jenseits befördert hast. Nun sind sie beide gleich. Beide Tod. Beide schuldig oder unschuldig, wer weiss das schon.

Vielleicht leide ich tatsächlich unter Verfolgungswahn, vielleicht bin ich auch nur Realist. Ich möchte meinem verhasstesten Feind diese Bilder ersparen und euch erst recht. Denn ihr seid immer noch umgeben von der Aura der kindlichen Unschuld. Für mich gibt es kein zurück mehr. Meine Kindheit ist verflogen - die Träume zerstört. Ich kann so nicht mehr weiterleben am Rande der Gesellschaft und am Abgrund des Wahnsinns. Ich weiss, dass der Tod durch Suizid sinnlos ist, nichts wird sich verändern. Die Welt dreht sich weiter. Der graue Nebel des Alltags und der Vergänglichkeit wird die Wogen um meine Tat schnell wieder zu glätten vermögen. Aber für mich gibt es keinen Ausweg mehr. Die Menschen, das Leben, die Umwelt alles ist relativ. Weder Gut noch Schlecht, daran können wir nichts ändern. Aber wir müssen darauf hinwirken, dass die Welt gerechter wird. Keine Privilegierten und keine Versklavten. Wir alle sind gleich und reisen auf diesem Planeten durch die unendlichen Weiten des Universums. Niemand weiss, woher wir kommen, und wohin wir gehen, niemand hat das Recht, Macht über einen Anderen auszuüben nur aufgrund seiner Stärke, seines Reichtums oder unter Berufung irgendeines imaginären Gottes. Die Sonne ist vollkommen untergegangen, und die Dunkelheit hält Einzug. Ich habe gesagt, was ich weiss, und die schwarze Seite in mir steigt langsam empor. Vielleicht treffen wir uns irgendwo wieder in einer besseren Welt. auf Wiedersehen.

Der Knall der Pistole hallt laut durch die Dunkelheit. Jack stürzt über die Brüstung und fällt kopfüber in die Tiefe. Mit einem dumpfen Aufprall auf dem gefrorenen Boden des Parks endet sein Leben.

September1995/rs