Das Chaos

Vor viereinhalb Jahrunderten lebte im heutigen Frankreich Michel de Nostradame, genannt Nostradamus. Nostradamus war das, was wir wohl als Propheten oder Seher bezeichnen würden. Er sah zukünftige Ereignisse voraus und schrieb diese in Vierzeilern nieder. Seine Verse versah er allerdings mit einem Code, welcher bis zum heutigen Tag noch nie vollständig ausinterpretiert werden konnte. V. J. Hewitt, eine Verfasserin mehrerer Bücher über Nostradamus, entwickelte eine Methode, welche mit einem mathematischen Schlüssel konkrete Inhalte (wie Daten, Namen, Orte, etc.) aus seinen Texten zu ziehen versucht. Aufgrund dieser Methode konnte schlussgefolgert werden, dass im April 1995 das schweizerische Finanzsystem vollkommen zerstört werden wird. Die Ursachen liegen nach Hewitt in einem seit 1991 laufenden, grossangelegten Betrug, welcher den Kurs zwischen dem sFr. und anderen Handelswährungen manipulierte. die Weissagung ist nicht oder noch nicht eingetroffen. Der folgende Artikel soll in keiner Weise einen Disput über den Wahrheitsgehalt der nostradammschen Verse, noch über die Verlässlichkeit des Entcodierschlüssels von Hewitt darstellen, sondern will sich nur mit der Frage auseinandersetzen, das hier in der Schweiz passiert wäre, wenn die viereinhalb Jahrhundert alte Vorhersage Realität geworden wäre.

14. April 1995, 7.00 Uhr morgen. Ein ganz normaler Tag beginnt. Das Schweizer Volk geht zur Arbeit. Die Emire der Finanzwelt betreten ihre heiligen Büros in den Bankentempeln. Doch der friedvolle Tag sollte schon bald eine jähe Wende erfahren. Gerüchte über einen jahrelangen Betrug bezüglich des Wechselkurses des schweizer Franken werden durch eine Indiskretion laut. Die Devisendealer und Börsenspekulanten beginnen zu rotieren. Den Direktoren der Bankenimperien bleibt der Croissant während der Kaffeepause im Hals stecken, als die ersten Mitteilungen über den brutalen Kurszerfall in ihre Büros flattern. Jetzt geht alles schnell, hektisch und chaotisch weiter. Es entwickelt sich eine Eigendynamik. die ganze Finanzwelt blickt gespannt nach Zürich um zu beobachten, wie das angeblich stabilste Finanzsystem der Welt an einem einzigen Tag demontiert wird. Der normale Schweizer hockt vor dem Radio und lauscht den immer neu eintreffenden Hiobsbotschaften. Die Arbeit wird in allen Betrieben niedergelegt. Die gesamte Belegschaft von Direktor bis zur Putzequipe finden sich in der Kantine wieder. Es wird diskutiert, Gründe gesucht, man hört einzelne Verzweifelte laut aufschluchzen, wenn neue Nachrichten eintreffen. Am Abend ist das Ausmass der Katastrophe in seinem ganzen Umfang ersichtlich. Das gesamte Finanzsystem ist zerstört. Der Traum von Reichtum und ewigem Wirtschaftswachstum ausgeträumt. Die Nation bankrott. Game over.

Die Menschen dieses Landes müssen dann endlich wieder der Realität in die Augen sehen, welche sie solange unterdrückt hielten, wie das Wirtschaftswunder funktionierte und allen immer grösseren Reichtum versprach. Die Realität sieht aber weniger verlockend aus. Die Gründe für den seit dem 2. Weltkrieg angehäuftem Wohlstand liegen wohl nicht einzig in der immer wieder selbstherrlich gepriesenen Arbeitsmoral und Tüchtigkeit des Schweizers sowie an der stabilen politischen Situation, sondern vielmehr an der Skrupellosigkeit und Geldgierigkeit der Hochfinanz. Die Stabilität der Politordnung ist nicht Ursache der florierenden Wirtschaft sondern lediglich Auswirkung. Solange das System der Geldvermehrung ohne eigentliche Produktivität der Arbeit, sondern durch Vermögensverwaltung von Schwarz-, Drogen- und Drittweltgelder, sowie der Spekulation funktionierte, konnte der Protest der Bevölkerung und Angriffe auf das System mit Geld unterdrückt werden. Sobald aber die Wirtschaft tot am Boden liegt, wird sich das Volk früher oder später kritische Gedanken über jenes perverse Geldsystem, welches sie jahrelang mit ihrer Arbeitskraft unterstützten, machen müssen. Die Leute würden wieder auf die Strassen gehen, Protestmärsche und Demonstrationszüge würden das Bild von Zürich, Genf und Basel beherrschen und nicht mehr die älteren Herren in ihren grauen Anzügen. Den Machthabern bliebe nichts anderes übrig, als sich konstruktiv mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Die Verfehlungen und Missetaten würden endlich an den Pranger gestellt, welche in den letzten Jahrzehnten immer mit Geld gerechtfertigt wurden. Der neu entstandene Nihilismus des Volkes würde bis in den verschollensten Windel der Gewölbe und Archive der Grossbanken reichen, alles was bisher unter den Tisch gefegt wurde, käme schonungslos ans Tageslicht. Es wäre das Ende der Verlogenheit und des Geldes und vielleicht der Beginn einer Aera der Wahrheit und Ehrlichkeit als neue Tugenden.

Nun gut, nichts davon ist eingetroffen. Aber es wäre mit Bestimmtheit eine Chance für dieses Land gewesen, wenn die Fundamente auf welchem es aufgebaut ist, eingestürzt wären. Solange die Menschen hier nur Geld als moralischen Wert akzeptieren, wird es wohl unmöglich sein, etwas zu verändern, im Sinne, das ein Leben in Wahrheit auch in der Schweiz geführt werden kann. Die Menschen werden auch durch diesen Artikel nicht aus ihrem Traum von Reichtum gerissen, hierfür muss es zuerst wohl wirklich zum Chaos kommen.

Mai1995/rs